Zukunft entsteht aus Handlungen, nicht aus Versprechen
09. Dezember 2025Warum wirksame soziale Arbeit nicht nur von Rahmenbedingungen abhängt, sondern von Menschen, die handeln.
Der Sozialbereich befindet sich im Wandel. Fördermodelle ändern sich, Aufgaben werden komplexer, der Bedarf an Orientierung wächst. Gerade in solchen Zeiten zeigt sich, worauf soziale Arbeit baut: auf Menschen, die hinsehen, Verantwortung übernehmen und Schritt für Schritt weitergehen.
Deshalb geben wir hier zwei Perspektiven Raum: Ulrike Würzburger, Geschäftsführung B7, und Markus Hillebrand, Leitung von P.U.R. – zwei Menschen, deren Arbeit zeigt, wie Haltung und Handeln Zukunft ermöglichen.
B7 steht mitten in einer Zeit der Umbrüche – Förderungen werden reduziert, soziale Arbeit steht zunehmend unter Druck. Wie gelingt es Ihnen, in diesem Umfeld handlungsfähig zu bleiben und gleichzeitig Haltung zu bewahren?
Ulrike Würzburger: „Was ich in meinem Leben gelernt habe: Es gibt immer einen Handlungsspielraum. Manchmal ist er klein und kaum sichtbar, aber er ist da – und das ist tröstend.
Die Haltung zu bewahren gelingt mir nicht immer. Ich wäre gerne stets sachlich, souverän und gelassen – doch das bin ich nur gelegentlich. Wahrscheinlich nur in meiner Vorstellung.
In mir steckt ein großer Kampfgeist. Wenn ich das Gefühl habe, dass Unrecht geschieht – besonders auf dem Rücken von benachteiligten oder erkrankten Menschen – dann entsteht in mir sehr viel Energie. Das äußert sich manchmal stärker, als ich es mir wünsche.
Damit ich dennoch im Gleichgewicht bleibe, halte ich an meinen täglichen und wöchentlichen Ritualen fest. Sie geben mir Halt, Erdung und die Möglichkeit, trotz Druck klar denken und handeln zu können.“
Was Ulrike Würzburger beschreibt – diese kleinen Handlungsspielräume, die manchmal kaum sichtbar sind – zeigen sich im privaten Alltag oft erst dann, wenn man sie mit einer konkreten Handlung füllt. Ein Weg, der vielen Menschen besonders gut hilft, sind (einfache) Rituale: kleine, wiederkehrende Abläufe, die man auch dann ausführen kann, wenn vieles gleichzeitig wird. Ein kurzer Moment für sich selbst, ein strukturierender Blick am Morgen oder ein ruhiger Abschluss am Abend – solche Handlungen wirken leise, aber stabil. Sie schaffen Orientierung, bevor der Tag zu groß wird, und geben Halt, wenn äußere Umstände fordernd sind. Viele Menschen unterschätzen, wie wirksam solche Mini-Rituale sein können – zuhause, im Berufsalltag, in Übergangsphasen oder in belastenden Situationen. Sie schaffen Klarheit, schenken Verlässlichkeit und erleichtern den nächsten Schritt. In einem eigenen Beitrag zeigen wir, wie solche Alltagsrituale entstehen, worauf man achten kann und warum kleine, wiederkehrende Abläufe gerade in schwierigen Zeiten so entlastend sind. Weiterlesen: Kleine Schritte, große Wirkung: Wie Rituale im Alltag helfen
Wie wirkt sich die aktuelle Förderlage auf die Arbeit von P.U.R. aus?
Markus Hillebrand: „Der Bedarf an sozialrechtlichen Beratungen im Gesundheits-, Rehabilitations- und Pensionsbereich, wie wir ihn anbieten, ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Alleine im oberösterreichischen Zentralraum melden sich jährlich bis zu 1000 Personen, die unsere Beratung und Unterstützung wünschen. Leider kann nur ein Bruchteil davon übernommen werden.
Unsere Expertisen und unsere Betreuung werden aber nicht nur von den betroffenen Klientinnen:Klienten, sondern auch von anderen Einrichtungen im Gesundheits- und Sozialbereich, wie bspw. Fachärzte, Krankenhäuser, Rehabilitationseinrichtungen, Sozialberatungsstellen, usw. sehr geschätzt und empfohlen.
Die massive Kürzung des Förderbudgets 2026 führt zu einer deutlichen Reduzierung dieser wertvollen Expertisen und Beratungsleistungen, sowohl im Zentralraum, als auch in den Regionen vor Ort. Geschätzte Mitarbeiter:innen mit hoher Kompetenz, fundiertem Fachwissen und langjähriger Erfahrung müssen unseren Fachbereich aufgrund der Stundenkürzungen leider verlassen.“
Der steigende Bedarf, die komplexen Wege zu Reha, Pension oder sozialrechtlicher Orientierung – ist etwas, das viele Menschen im Alltag spüren, oft schon lange bevor sie professionelle Hilfe suchen. Wenn Gesundheit, Arbeit oder Lebensumstände ins Wanken geraten, fehlt nicht nur Zeit, Kraft oder Überblick. Es fehlt vor allem eines: Orientierung. Und Orientierung wird schnell zu etwas, das sich wie ein Luxus anfühlt – besonders dann, wenn man nicht weiß, wo man anfangen soll oder welche Stelle überhaupt zuständig ist. Viele Menschen verlieren sich zwischen Anträgen, Formularen, Gutachten und Entscheidungen, die ihr weiteres Leben betreffen. Gerade deshalb wird Beratung zu etwas, das entlastet: Sie schafft Klarheit in Situationen, die für Einzelpersonen kaum noch überschaubar sind. Bei B7 sehen wir täglich, wie viel es ausmacht, wenn Menschen nicht allein durch dieses System müssen. Ein Gespräch kann Frust verhindern. Eine kleine Information kann den entscheidenden Unterschied machen. Und eine klare Begleitung kann Wege öffnen, die vorher unsichtbar waren. Damit Orientierung nicht zum Luxus wird, gibt es in Oberösterreich zahlreiche kostenlose Angebote, die Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützen – ob bei Fragen zu Familie, Gesundheit, Sucht, Arbeit oder sozialrechtlichen Entscheidungen. In einem eigenen Beitrag haben wir diese Hilfen zusammengefasst und zeigen, wo Betroffene Beratung erhalten können, selbst wenn finanzielle Mittel fehlen. Weiterlesen: Wie Menschen ohne Einkommen Beratung erhalten
Was motiviert Sie und Ihr Team, trotz knapper Ressourcen weiterzumachen?
Markus Hillebrand: „Trotz der deutlich reduzierten Kapazitäten und der schwierig werdenden Rahmenbedingungen motiviert uns vor allem die direkte Wirkung unserer Arbeit. Wir erleben täglich, dass unsere Unterstützung für viele Menschen einen echten Unterschied macht.
Wir legen großen Wert auf eine kompetente, wertschätzende, lösungsorientierte und schnittstellenübergreifende Beratung, bei der die Person im Mittelpunkt steht. Die Erfolge in der Beratung, die positiven Rückmeldungen unserer Klientinnen:Klienten geben unserer Arbeit Sinn und die Energie weiterzumachen.
Auch der starke Zusammenhalt im Fachteam und im Verein ist dabei ein wichtiger Faktor.“
P.U.R. steht für Pension und Rehabilitation ins Berufsleben und ist ein spezialisiertes Beratungsangebot von B7 Arbeit und Leben. P.U.R. unterstützt Menschen, deren Arbeitsfähigkeit durch Krankheit oder Unfall ins Wanken geraten ist. Wenn plötzlich unklar wird, wie es beruflich oder gesundheitlich weitergehen kann, hilft P.U.R. dabei, Orientierung zu finden und herauszufinden, welche sozialrechtlichen Möglichkeiten bestehen – von medizinischer oder beruflicher Rehabilitation bis hin zu Pensionsfragen. Die Beratung ist kostenlos, persönlich und auf Augenhöhe. Gemeinsam wird geklärt, welche Schritte sinnvoll sind, wie Anträge gestellt werden können und welche Wege realistisch sind. Wenn Verfahren schwierig werden, begleitet P.U.R. weiter – bis hin zur juristischen Unterstützung. P.U.R. ist für Menschen da, die in einer herausfordernden Situation Halt brauchen und nicht allein durch ein komplexes System müssen. Mehr Infos: P.U.R. – Pension und Rehabilitation
„Zukunft entsteht aus Handlungen, nicht aus Versprechen“ – was bedeutet dieser Satz für Sie konkret im Alltag von B7?
Ulrike Würzburger: „Ich habe das große Glück, von klugen und engagierten Menschen umgeben zu sein. Wir sind alle an Lösungen interessiert – gemeinsam, nicht gegeneinander. In herausfordernden Situationen erstelle ich rasch einen Plan, den ich transparent mit allen Betroffenen teile. Daran arbeiten wir so lange weiter, bis er tragfähig ist.
Ich höre mir Ideen an, prüfe sie, entwickle sie weiter und sorge dafür, dass wir konkrete Schritte setzen, damit aus Gedanken Wirklichkeit wird. Ich weiß, dass das Leben hart sein kann – und ich weiß auch, dass das Leben immer für uns ist. Dieses Vertrauen trägt meine Entscheidungen.“
Manchmal wissen wir genau, dass etwas anders werden muss – aber nicht, wo wir anfangen sollen. Entscheidungen schieben wir vor uns her, Pläne bleiben vage und der Alltag fordert uns an allen Ecken. Doch Veränderung entsteht nicht durch Warten, sondern durch kleine, machbare Schritte. Warum gemeinsames Denken Entscheidungen stabiler macht und wie man Pläne so setzt, dass sie wirklich halten, zeigen wir in einem eigenen Beitrag. Weiterlesen: Wie tragfähige Entscheidungen entstehen – und warum gemeinsames Denken stabiler macht
Wenn Sie nach vorne blicken: Welche Entwicklungen wünschen Sie sich, damit soziale Arbeit den Platz bekommt, den sie verdient?
Ulrike Würzburger: „Ich gehe gerne zu Veranstaltungen der Wirtschaftskammer. Wenn ich im Julius-Raab-Saal sitze, wirkt alles geordnet, finanzierbar und stabil. Ein Raum, in dem das Gefühl entsteht: Wir sind stark, alles passt.
Als Geschäftsführerin von B7 spüre ich in solchen Momenten manchmal, wie wenig Platz unsere Arbeit in diesem Bild aktuell hat – besonders angesichts der Kürzungen. Doch dann erinnere ich mich: Auch Menschen in diesen Räumen haben Angehörige, Freunde:Freundinnen oder Kollegen:Kolleginnen, die erkrankt sind oder schwierige Zeiten durchmachen. Und ich freue mich für jede Person, die ein Leben führen kann, in dem sie uns nie braucht. Aber wenn es anders wird, wenn Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit plötzlich das Leben verändern, dann möchten wir da sein – damit auch diese Zeit gut bewältigt werden kann.
Was ich mir wünsche?
- Von der Selbstverwaltungsbehörde: faire, moderne und nachvollziehbare Vorgehensweisen.
- Von der Politik: ein gesundes Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichen Interessen und sozialer Verantwortung.
- Von der Gesellschaft: weniger „Das steht mir zu“ und weniger „die anderen“. Stattdessen mehr die Frage: Was kann ich beitragen, damit es besser wird?“
Wenn wir uns wünschen, dass soziale Verantwortung nicht nur ein politischer Begriff bleibt, sondern gelebte Realität wird, dann braucht es Organisationen, die genau das tun: B7 Arbeit und Leben gestaltet, begleitet und arbeitet für und mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Gerade jetzt, wo Fördermittel gekürzt werden und vieles herausfordernder wird, zählt jeder Beitrag – egal ob Sie unseren Artikel teilen, uns auf Social Media folgen, auf Instagram oder Facebook ein Like dalassen oder B7 mit einer Spende unterstützen. – Mehr Infos: Unterstützen Sie uns mit einer Spende und/oder einer Mitgliedschaft
Was wünschen Sie sich von Politik und Gesellschaft?
Markus Hillebrand: „Ich wünsche mir von der Politik und Gesellschaft mehr Sichtbarkeit und auch Anerkennung für die Wirkung dieses sozialen Projektes – und zwar nicht nur die Verbesserung der Situation der einzelnen Betroffenen, sondern auch die volkswirtschaftlichen Auswirkungen unserer Arbeit.
Wir versuchen den Menschen die Perspektiven zu zeigen, die sinnvoll und realistisch sind, sie umfassend und verständlich über ihre Möglichkeiten aufzuklären und sie bei der Umsetzung dieser bestmöglich zu unterstützen.
Dazu gehört auch manchmal, falsche Vorstellungen und kolportierte Mythen zu berichtigen.
Wir verhindern dadurch bspw. auch sinnlose Behördengänge, Anträge und Klageverfahren und damit einhergehend auch Frustrationen, vergeudete Zeit und letztlich auch den ineffizienten Einsatz öffentlicher Mittel.“
P.U.R. zeigt jeden Tag, wie viel es ausmacht, wenn Menschen wieder eine realistische Perspektive sehen – eine, die nicht auf Annahmen oder Mythen basiert, sondern auf echten Möglichkeiten. Doch welche Perspektiven gibt es überhaupt, wenn Arbeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr geht? Und wo beginnt man, wenn der Überblick fehlt? Unser weiterführender Beitrag gibt Orientierung. Weiterlesen: Wenn Arbeit nicht mehr geht Die häufigsten Wege zurück – und welche Unterstützung in Österreich wirklich hilft
Am Ende dieses Gesprächs wird spürbar, was B7 im Kern ausmacht: Menschen, die handeln – und nicht auf perfekte Rahmenbedingungen warten. Die beiden Perspektiven von Ulrike Würzburger und Markus Hillebrand zeigen auf sehr unterschiedliche, aber ineinandergreifende Weise, wie wir bei B7 arbeiten: klar, strukturiert, fachlich fundiert und gleichzeitig zutiefst menschlich. Wir wissen, dass der Sozialbereich sich verändert. Wir sehen die Kürzungen, die steigenden Anforderungen, die wachsende Komplexität. Und wir erleben täglich, dass Orientierung und verlässliche Begleitung wichtiger werden als je zuvor. Viele Menschen kommen zu uns in Momenten, in denen etwas ins Wanken geraten ist – die Gesundheit, die Arbeitsfähigkeit, familiäre Belastungen, der Alltag selbst. Und oft ist es ein einziger Schritt, ein einziges Gespräch, eine einzige Information, die wieder Bewegung ermöglicht.
In dieser Verantwortung stehen wir – gerade jetzt.
Wir können die politischen Rahmenbedingungen nicht alleine verändern. Aber wir können dafür sorgen, dass Menschen nicht allein durch ein System müssen, das ihnen im falschen Moment zu groß wird. Wir können zuhören, sortieren, realistisch einschätzen und gemeinsam Wege finden. Und wir können Haltung zeigen – auch dann, wenn der Handlungsspielraum klein wirkt.
Denn Handlungsspielräume sind selten groß, aber sie sind da. Sie entstehen, wenn jemand entscheidet, hinzusehen. Sie wachsen, wenn wir gemeinsam denken. Und sie werden tragfähig, wenn wir aus Gedanken konkrete Schritte machen. Dass wir das tun können, hat viel mit dem Engagement der Menschen bei B7 zu tun – unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Und es hat genauso viel mit dem Vertrauen zu tun, das uns Klient:innen, Kooperationsstellen und die Öffentlichkeit entgegenbringen. Dieses Vertrauen ist kein Selbstverständnis. Es ist ein Auftrag.
Gerade jetzt, in einer Zeit, in der soziale Arbeit unter Druck steht, sehen wir klarer denn je, wie wichtig es ist, dranzubleiben, nah zu sein, transparent zu bleiben und Haltung zu bewahren. Wir werden weiterhin für jene da sein, die Orientierung brauchen – strukturiert, menschlich, parteilich für die Betroffenen und mit einem Blick für das, was möglich ist.
Wirksame soziale Arbeit entsteht nicht durch ideale Bedingungen, sondern durch Menschen, die Verantwortung übernehmen. Für diese Haltung stehen wir bei B7 – heute, morgen und in Zukunft.
B7, Balance, Beruf, Geschäftsführung, Gesellschaft Verantwortung, Hillebrand, Interview, Leitung, P.U.R., Siebeninfo, Würzburger






