Nach langer Zeit wieder ein Anfang
09. Juni 2026Wie im Case Management Grundlagen geklärt, Stärken sichtbar gemacht und realistische nächste Schritte möglich werden.
Ein Anfang, der nicht mit einer Bewerbung beginnt
Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einer Bewerbung. Manchmal beginnt sie viel früher: mit Dokumenten, die organisiert werden müssen, mit einer Arztanbindung, mit offenen formellen Fragen oder mit dem vorsichtigen Aufbau von Vertrauen.
Der Erfahrungsbericht von Herrn A. zeigt, wie grundlegend Case Management ansetzen kann, wenn Menschen lange Zeit ohne Beschäftigung waren und mehrere Themen gleichzeitig geklärt werden müssen.
Ausgangslage: viele Jahre ohne Beschäftigung
Herr A. ist über 40 Jahre alt und ledig. Nach der Pflichtschulzeit war er mehrere Jahre arbeitslos. Danach arbeitete er zwei Jahre in einer Firma, bis es zu einem Arbeitsunfall kam. Anschließend war er rund 22 Jahre durchgehend arbeitslos. Im vergangenen Jahr übernahm er über mehrere Monate hinweg teilweise die Pflege seiner Mutter bis zu deren Tod.
Als Herr A. in Betreuung kam, wurde seine Ausgangslage von behördlicher Seite als sehr schwierig eingeschätzt. Die Chancen auf Veränderung erschienen zunächst gering. Gerade deshalb ging es im Case Management nicht darum, sofort eine große berufliche Lösung zu suchen.
Zuerst die Grundlagen klären
Zu Beginn standen formelle Angelegenheiten im Vordergrund. Dokumente wurden organisiert, darunter etwa ein Personalausweis. Eine Anmeldung bei einem Hausarzt wurde unterstützt. Auch offene Kirchenbeiträge wurden geklärt.
Solche Schritte wirken im ersten Moment klein. Für Menschen in lang belasteten Lebenssituationen können sie aber entscheidend sein, weil sie wieder Ordnung, Anschlussfähigkeit und Handlungsfähigkeit schaffen.
Stärken wieder sichtbar machen
Im weiteren Verlauf wurden die persönlichen Stärken von Herrn A. herausgearbeitet. Sichtbar wurden Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Flexibilität, Zuverlässigkeit, gutes Zuhören und Handschlagqualität. Auch Interessen und Hobbys spielten eine Rolle: Schachspielen, Fischen, Schnitzen, Naturbeobachtung, Fahrradfahren und Brettspiele. Dazu kamen praktische Kompetenzen in Garten- und Holzarbeit, Haushaltsführung sowie Bastelarbeiten.
Dieser Teil der Begleitung zeigt eine zentrale Wirkung von Case Management: Es geht nicht nur darum, Probleme zu erfassen. Es geht auch darum, vorhandene Ressourcen wieder sichtbar zu machen. Nach langer Arbeitslosigkeit können Fähigkeiten, Interessen und Stärken aus dem Blick geraten. Beratung kann helfen, sie wieder als Ausgangspunkt für weitere Schritte zu erkennen.
Bewerbungen, Hürden und neue Richtung
Auf dieser Grundlage wurden Bewerbungsunterlagen erstellt. Herr A. wurde bei der Stellensuche und bei Bewerbungsprozessen unterstützt. Zunächst gab es mehrere erfolglose Versuche im Bekanntenkreis und bei der Gemeinde. Danach wurde der Fokus stärker auf den zweiten Arbeitsmarkt gelegt.
Die Rahmenbedingungen waren dabei herausfordernd: Herr A. hatte keinen Führerschein und kein eigenes Fahrzeug und war auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Gleichzeitig zeigte er sich motiviert und nahm Beratungstermine zuverlässig wahr. Es bestanden aber auch Ängste vor einem beruflichen Wiedereinstieg.
Ein realistischer nächster Schritt
Nach weiteren erfolglosen Bewerbungsprozessen bei FAB, der Hausgemeinde sowie dem Programm „Hilfe zur Arbeit“ wurde Kontakt mit Pro Mente aufgenommen. Im Rahmen dessen wurde eine F-Diagnose durch die Klinik für psychische Gesundheit festgestellt.
Anschließend konnte Herr A. in die Maßnahme „Fähigkeitsorientierte Aktivität“ nach dem OÖ-Chancengleichheitsgesetz bei Pro Mente aufgenommen werden. Dort begann er mit acht Arbeitswochenstunden. Eine schrittweise Stundensteigerung ist unter Begleitung geplant.
Was diese Geschichte zeigt
Diese Geschichte zeigt, dass Wirkung nicht immer in einem schnellen Wechsel in den ersten Arbeitsmarkt besteht. Für Herrn A. bedeutet der erreichte Schritt soziale und berufliche Weiterentwicklung sowie Stabilisierung seiner Lebenssituation. Nach vielen Jahren ohne Beschäftigung wurde wieder ein Anfang möglich, der zur Ausgangslage passt und tragfähig begleitet werden kann.
Die Kennzahlen des Case Managements zeigen, dass solche Prozesse nicht isoliert stattfinden: 204 Informationsgespräche, 102 Beratungen und 48 Vermittlungen stehen für viele unterschiedliche Wege, bei denen Klärung, Begleitung und realistische nächste Schritte im Mittelpunkt stehen.
Case Management wirkt dort, wo einfache Lösungen oft nicht ausreichen. Es verbindet praktische Klärung, Beziehungsaufbau, Ressourcenarbeit und Orientierung. Im Beispiel von Herrn A. wird sichtbar, wie daraus Schritt für Schritt wieder Entwicklung entstehen kann.
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